Ende dieses Seitenbereichs.

Beginn des Seitenbereichs: Inhalt:

Lehrstuhlgeschichte

Römisches Recht an der Universität Graz – ein historischer Abriss

Seit Einführung eines Studium juris an der Universität Graz durch Maria Theresia im Jahre 1778 findet in Graz eine kontinuierliche Lehre des römischen Rechts statt. Römisches Recht war aber schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an der protestantischen Landschaftlichen Schule in Graz gelehrt worden. Nach Aufhebung dieser Stiftsschule im Jahre 1598 gab es fünfzig Jahre hindurch keinen öffentlichen Rechtsunterricht in Graz. Im Jahre 1648 entschloss sich aber die steirische Landschaft zur Anstellung eines Professor juris. Von diesem Zeitpunkt bis zur Gründung der juridischen Fakultät im Jahre 1778 erfolgte ein Rechtsunterricht durch von der Landschaft besoldete Professoren. Der letzte landschaftliche Professor juris Joseph Balthasar Winckler wurde erster Professor an der Grazer juridischen Fakultät. Zweiter Professor wurde Franz Aloys Tiller. Beide Juristen waren sehr produktive Autoren. Von Winckler stammt u. a. ein zweibändiger Kommentar zu den Digesten: „Jus civile universum“ (Graz 1768).

Das Rechtsstudium an der Grazer Universität umfasste zunächst nur zwei Jahrgänge; zur Erlangung des Doktorates musste das Studium an einer anderen Universität fortgesetzt werden. Das zweijährige Studium genügte aber für eine Reihe von juristischen Berufen. In der Zeit von 1782 bis 1827 hatte die Grazer Hochschule nur den Rang eines Lyzeums.

Durch die Zeillersche Studienreform von 1810 wurden neue Lehrgegenstände eingeführt; römisches Recht und Kirchenrecht mussten gekürzt werden. Die Lehrkanzel für Römisches Recht und Kirchenrecht hatte von 1825 bis 1829 Heinrich Hüttenbrenner, von 1833 bis 1844 Franz Wiesenauer und von 1844 bis 1849 August Chabert inne.

Von großer Bedeutung für die Stellung des römischen Rechts wurden die Unterrichts- und Studienreformen des Ministers Graf Leo Thun-Hohenstein in den Jahren 1849 bis 1855. Die Basis des Rechtsstudiums sollten nunmehr die rechtshistorischen Fächer bilden. Im Zuge dieser Reformen wurde eine Reihe von rechtshistorischen Lehrkanzeln geschaffen. Die Vertreter der rechtshistorischen Fächer wurden zunächst zum Großteil aus Deutschland berufen.

Inhaber der Lehrkanzel für Römisches Recht und Kirchenrecht, seit 1871 für Römisches Recht I, waren Johann Kopatsch (in der Zeit von 1850 bis 1863), Friedrich Bernhard Maaßen (1860 – 1871) und August Tewes (1863 – 1902). Nach dem Abgang Maaßens an die Universität Wien war es auch in Graz 1871 zur Teilung der alten Lehrkanzel für Römisches Recht und Kirchenrecht gekommen. Seit 1862 bestand schon eine zweite Lehrkanzel für Römisches Recht. Diese hatten Gustav Demelius (von 1862 bis 1881), Moriz Wlassak (1882 – 1884) und Josef Freiherr von Schey (1885 – 1893) inne.

Im Jahre 1893 kam es zu einer Neuordnung der rechts- und staatswissenschaftlichen Studien und Staatsprüfungen. Im I. Studienabschnitt waren Vorlesungen über römisches Recht durch 20 Stunden, verteilt auf mindestens zwei Semester, zu hören. Die rechtshistorische Staatsprüfung konnte frühestens zu Beginn des vierten Semesters abgelegt werden.

Inhaber der Lehrkanzel Römisches Recht I waren Leopold Wenger 1902 – 1904 und 1905 – 1908), Ivo Pfaff (1908 – 1925) und Artur Steinwenter (1918 – 1958); Inhaber der Lehrkanzel Römisches Recht II waren Gustav Hanausek (1893 – 1926), Julius Georg Lautner (1926 – 1929), Erich Sachers (1929 – 1950), Hubert Niederländer (1952 – 1956) und Theo Mayer-Maly (1957 – 1959).

Nachfolger Artur Steinwenters wurde 1959 dessen Schüler und Assistent Gunter Wesener (emeritiert 2000). Nachfolger von Mayer-Maly wurde 1960 Franz Bydlinski, ein Schüler Walter Wilburgs (mit Lehrverpflichung für Römisches Recht, Bürgerliches Recht und Sozialrecht). Diese Lehrkanzel ging mit Helmut Schnizer schließlich an das Kirchenrecht. Im Jahre 1963 war Franz Bydlinski einem Ruf auf ein Ordinariat für Bürgerliches Recht an der Universität Bonn gefolgt.

Im Jahre 1965 kam es aber neuerlich zur Schaffung einer zweiten Lehrkanzel für Römisches Recht. Diese erhielt der Würzburger Universitätsdozent (außerplanmäßige Professor) Arnold Kränzlein, der sie bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1991 innehatte. Sein Nachfolger wurde 1992 der Münchener Ordinarius Gerhard Thür (emeritiert 2009). Herwig Stiegler, der sich1971 habilitiert hatte, wurde 1975 zum a.o. Univ.-Professor für Römisches Recht ernannt (in Pension 2003). Leider wurde weder die Lehrkanzel (der Dienstposten) von Wesener noch von Stiegler römischrechtlich nachbesetzt; beide Lehrkanzeln wurden umgewidmet. Auch die Lehrkanzel von Thür ist bis heute höchst bedauerlicherweise nicht nachbesetzt worden.

Das römische Recht wird in Graz in Lehre und Forschung derzeit vor allen von Univ.-Prof.in Evelyn Höbenreich, Privatdozentin Agnieszka Kacprzak, Ass.-Professor Hannes Hinker und Dr.in Marlene Peinhopf vertreten. Bis zu seinem frühen Tod im Jahre 2016 lehrte der Linzer Professor Georg Klingenberg an der Grazer Universität. Die Betreuung von Dissertationen und Diplomarbeiten erfolgt auch durch den nun in Innsbruck wirkenden Univ.-Prof. Martin Pennitz sowie den emeritierten Univ.- Prof. Gunter Wesener.

Das „Institut für Römisches Recht, Antike Rechtsgeschichte und Neuere Privatrechtsgeschichte“ wurde 2016 ein Fachbereich des durch Institutszusammenlegungen geschaffenen „Instituts für Rechtswissenschaftliche Grundlagen“. Fachbereichsleiterin ist Evelyn Höbenreich.

In den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erlebte die Romanistik und Rechtsgeschichte der Antike in Graz eine Blütezeit. Dies hängt naturgemäß zusammen mit dem allgemeinen Aufschwung der juristischen Papyrologie und Altertumskunde. Führend auf diesem Gebiet war damals die Universität Leipzig. Aus dem berühmten „Hanausek-Seminar“ in Graz gingen zahlreiche angesehene Romanisten hervor wie Leopold Wenger, Paul Koschaker, Mariano San Nicolò, Artur Steinwenter und Julius G. Lautner. Gustav Hanausek, selbst noch der Pandektistik verhaftet, schickte seine Schüler nach Leipzig, wo Ludwig Mitteis wirkte, später nach München.

Leopold Wenger, der sich 1901 an der Grazer juristischen Fakultät für römisches Recht habilitiert hatte und mehrere Jahre in Graz als Professor wirkte (1902 - 1904 und 1905 - 1908) entwickelte in seiner Wiener Antrittsvorlesung am 26. Okt. 1904 den Begriff der „Antiken Rechtsgeschichte“. Durch die Vergleichung mit anderen antiken Rechten „wird die römische Rechtsgeschichte ein Teil, wenn auch der wichtigste, der Geschichte des Rechtes in der Kulturwelt des Altertums“ (S. 9). Wenger hat seine Vorstellungen weiterentwickelt und immer wieder neu und schärfer gefasst, zuletzt in dem monumentalen Werk „Die Quellen des römischen Rechts“ (Wien 1953). Wengers Konzept, insbesondere die Entlehnungsthese, ist auf Bedenken und Ablehnung gestoßen, so etwa bei Paul Koschaker (Selbstbiographie S. 114), der eine „unabhängige Parallelgestaltung aus ähnlichen äußeren Bedingungen noch immer für das wahrscheinlichste“ hielt. Für Wenger blieb die antike Rechtsgeschichte „eine vom Standpunkt des Juristen gesehene, Staat und Recht in den Vordergrund stellende, zusammenfassende Kulturgeschichte des Altertums, eine Frucht der Übertragung universalistischen Denkens auf das Gebiet der Rechtsgeschichte“ (Steinwenter, Jur. Bl. 75, S. 557).

 

 

Literatur

Acham, Karl, Vorbemerkung. Jurisprudenz und Rechtswissenschaften in Graz – ein summarischer Überblick, in: Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften aus Graz, hg. von K. Acham, Wien – Köln – Weimar 2011, 193-231, bes. 205-211.

Ebert, Kurt, Die Grazer Juristenfakultät im Vormärz. Rechtswissenschaft und Rechtslehre an der Grazer Hochschule zwischen 1810 und 1848 (Graz 1969).

Ebert, Kurt, Die Pflege der Rechtsgeschichte an der Universität Graz im Zeichen der Historischen Schule, Zeitschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germ. Abt. 87 (1979) 239 ff., 271 f.

Hanausek, Gustav, Erlebtes und Gedachtes. Rede gehalten bei der Feier seines 70. Geburtstages am 10. Okt. 1925 in der Aula der Universität Graz. Mit Zusätzen und Anmerkungen (Graz 1926).

Höbenreich, Evelyn, Leopold Wenger und das Studium des römischen Strafrechts, in Bulletino dell´ Istituto di diritto romano ´Vittorio Scialoja` 92-93 (1989-1990) 377-460.

Höbenreich, Evelyn, A propos „Antike Rechtsgeschichte“: Einige Bemerkungen zur Polemik zwischen Ludwig Mitteis und Leopold Wenger, in: Zeitschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Rom. Abt. 109 (1992) 547-562.

Höbenreich, Evelyn, Der „Königsgedanke“, in: Gedächtnis des 50. Todesjahres Leopold Wengers, hg. von G. Thür (= Sitzungsberichte der Österr. Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl., 741 Bd., 2006) 17-32.

Höflechner, Walter, Geschichte der Karl-Franzens-Univ. Graz. Von den Anfängen bis in das Jahr 2005, Graz 2006, 15, 330-335.

Honsell, Heinrich, Theo Mayer-Maly (16. 8.1931 – 6. 12. 2007, in: Zeitschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Rom. Abt. 126 (2009) XI-

Kaser, Max, In memoriam Leopold Wenger, in: Zeitschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Rom. Abt. 71 (1954) p. XIII ss.

Kaser, Max, Artur Steinwenter, in: A. Steinwenter, Recht und Kultur, Graz 1958, 7-13.

Kaser, Max, In memoriam Artur Steinwenter, in: Zeitschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Rom. Abt. 76 (1959) 670-677.

Kaser, Max, Artur Steinwenter, Nachruf, in: Almanach der Österr. Akademie der Wissenschaften 109. Jg. (1959) 349-355.

Kaser, Max, Grazer Lehrer des römischen Rechts seit der Jahrhundertwende, in: 400 Jahre Akademisches Gymnasium in Graz 1573-1973, 1973, 126-128.

Koschaker, Paul, Selbstbiographie in: N. Grass (Hg.), Österr. Geschichtswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen II (Innsbruck 1952) 273-285.

Kunkel, Wolfgang, Leopold Wenger, in: Almanach der Österr. Akademie der Wissenschaften für das Jahr 1953, 103. Jg., 320-332 (mit Schriftenverz.).

Kunkel, Wolfgang, Artur Steinwenter (1888-1959), in: Jahrbuch der Bayer. Akademie der Wissenschaften, 1959, 155-160.

Kunkel, Wolfgang, Römisches Recht und Antike Rechtsgeschichte, in: Geist und Gestalt. Biographische Beiträge zur Geschichte der Bayer. Akademie der Wissenschaften I(München 1959) 255 ff.

Oberkofler, Gerhard, Studien zur Geschichte der österreichischen Rechtswissenschaft (= Rechtshistorische Reihe 33), Frankfurt am Main 1984.

Rainer, J. Michael, In memoriam Arnold Kränzlein, in: Zeitschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Rom. Abt. 123 (106) 533-541.

Steinwenter, Artur, Selbstbiographie, in: N. Grass (Hg.), Österr. Rechts- u. Staatswissenschaften der Gegenwart in Selbstdarstellungen, 1952, 187-200 (mit W-Verz.).

Steinwenter, Artur, Leopold Wenger Ɨ (1874-1953), in: Jur. Bl.75 (1953) 557-558.

Steinwenter, Artur, Leopold Wenger, in: Jahrbuch der Bayer. Akademie der Wissenschaften 1955, 157-162.

Steinwenter, Artur, Mariano San Nicolò Ɨ, in: Zeitschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Rom. Abt. 72 (1955) 493-503.

Strohal, Emil, In memoriam Gustav Demelius (1831-1891), in: Zeitschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Rom. Abt. 15 (1894) 1 ff.

Sturm, Fritz, In memoriam Hubert Niederländer (1921-1991), in: Zeitschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Rom. Abt. 111 (1994) 765-768.

Thür Gerhard, Artur Steinwenter als Gräzist, in: Zeitschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Rom. Abt. 115 (1998) 426-437.

Thür, Gerhard, Leopold Wenger. Ein Leben für die Antike Rechtsgeschichte, in: G. Thür (Hg.), Gedächtnis des 50. Todesjahres Leopold Wengers (= Sitzungsberichte der Österr. Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl. 741. Bd., 2006) 1-4.

Wenger, Leopold, Römische und antike Rechtsgeschichte. Akademische Antrittsvorlesung an der Universität Wien, gehalten am 26. Okt. 1904 (Graz 1905).

Wenger, Leopold, Universalgeschichtliches Denken zum römischen Rechte, in: N. Grass (Hg.), Österr. Geschichtswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen I (Innsbruck 1950) 133 - 156.

Wenger, Leopold, Die Quellen des römischen Rechts (Wien 1953).

Wesener Gunter, In memoriam Artur Steinwenter, in: Jur. Bl. 81 (1959) 274-275.

Wesener, Gunter, Artur Steinwenter (1888-1959), in: IVRA 10 (1959) 152-155.

Wesener, Gunter, Steinwenter, Artur, in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013) 233-235.

Wesener, Gunter, Erich Sachers (1889-1974), in: Studia et Documenta Historiae et Iuris 41 (1975) 653-655.

Wesener, Gunter, Römisches Recht und Naturrecht (= Geschichte der Rechtswiss. Fakultät der Univ. Graz, Teil 1), Graz 1978.

Wesener, Gunter, Laudatio auf Theo Mayer-Maly, in: Verleihung der Ehrendoktorwürde an K. D. Bracher und Theo Mayer-Maly (= Grazer Universitätsreden 22), Graz 1985, 14-24.

Wesener, Gunter, Zum „juridisch-politischen Studium“ an österreichischen Lyzeen und Universitäten in der Zeit von 1782 bis 1848 – Studienordnungen und Lehrämter, in: Festschrift für H. Hausmaninger zum 70. Geburtstag, Wien 2006, 305-327.

Wesener, Gunter, Erlebtes und Erstrebtes (Selbstbiographie mit Schriftenverzeichnis), in: Professoren erinnern sich. Hg. von Horst Wünsch (= Geschichte der Rechtswiss. Fakultät der Univ. Graz, Teil 5), Graz 2008, 299-333.

Wesener, Gunter, Zu den Anfängen der Historischen Rechtsschule romanistischer Richtung in Österreich, in: Grundlagen der österr. Rechtskultur. Festschrift für W. Ogris zum 75. Geb., 2010, 577 ff.

Wesener, Gunter, Paul Koschaker (1879-1951), Begründer der altorientsalischen Rechtsgeschichte und juristischen Keilschriftforschung, in: Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften aus Graz, hg. von K. Acham, Wien – Köln – Weimar 2011, 273-285.

Wesener, Gunter, Gustav Hanausek (1855-1927) und seine Schüler. Das Hanausek-Seminar, in: Constans et perpetua voluntas – Pocta Petrovi Blahovi K 75 Narodeninám (Trnava 2014) 693-722.

Wesener, Gunter, Friedrich Maaßen (1823-1900) in: 60 Porträts aus dem Kirchenrecht. Leben und Werk bedeutender Kanonisten, hg. von Ph. Thull (2017) 286-294.

Sekretariat des Fachbereichs Römisches Recht

Ende dieses Seitenbereichs.

Beginn des Seitenbereichs: Zusatzinformationen:

Ende dieses Seitenbereichs.